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HÄTILA RAGULPR PÅ FÅTSKLIABEN : Manifest för konkret poesi (1953)

"Seit ich vor einiger Zeit hundert Hunde zu einem vierzehntägigen Dichtkurs bei mir nach Hause eingeladen habe, bin ich dazu übergegangen, Örter (Wörter, Buchstaben) zu schreiben." Öyvind Fahlström
"Remplacer la psychologie de l' homme… par L' OBSESSION LYRIQUE DE LA MATIERE." ("Man muß die erschöpfte Psychologie der Menschen durch das lyrische Besessensein von Materie ersetzen.")
Marinetti, Technisches Manifest der futuristischen Literatur 1912


1. Die Ausgangslage
In Sigtuna wurde die literarische Frühjahrsmode für das Jahr 1953 diktiert. Man verwarf die psychoanalytisch markierte Büsten- und Taillenlinie, die Rocklänge wanderte nach unten, der Ausschnitt nach oben, kein Schnüffeln mehr möglich. Denn in diesem Jahr liegt die Betonung auf der Phantasie, Rüschchen und Schmetterlingen im Haar, Sing mit uns, Setterlind**, so wollen wir spielen.
All das ist wohlbekannt, was aber steckt hinter den allgemeinen Empfehlungen, wie lassen sie sich umsetzen? Es hieß, wir sollten moderne Mythen deuten (während gleichzeitig Freud der Mythenbildung bezichtigt wurde); und wir sollten uns nicht in die Gegenwart vergraben, sondern uns zeitloser Symbole bedienen.
Mythen: geht es darum, eine komplizierte Apparatur von Symbol- und Mythenkontakten à la Joyce, Gösta Oswald*** u.a. zu errichten, "wer tat das gleiche bei Shakespeare und Vergil", mehr Gösta Knutssons**** für humanistisch examinierte Feinschmecker?
Oder auf die präzisierten Komplexe zu verzichten und sich mit einzelnen Begriffen zu begnügen, oftmals lediglich einzelnen Wörtern, die ohne bestimmten Kontext umherdriften? Mit dem Risiko, daß der Eindruck weniger zeitlos und allgemeinmenschlich wird, ganz einfach eher locker und allgemein, da die ewig gültigen (wenn es denn solche Tiere überhaupt gäbe) Wortsymbole vom vielen Schrubben mit dem Waschbrett allmählich ausgeblichen sind. Für den einen oder anderen, z.B. Lorca, waren sie in neuen Kontexten durchaus verwendbar. Für die Surrealisten ebenso, wenn auch auf anderer Ebene, für sie galt es ja nicht, Ewiges zu schaffen, sondern zukunfts-taugliche Mythen.
In Sigtuna war auch die Rede von der Strukturanalyse des "New Criticism". Aber niemand stellte die Forderung nach Freiheit vom Psychologiegebossel in Verbindung mit der Forderung nach Interesse für die poetische Struktur.
Die Poesie kann nicht nur analysiert, sondern auch als Struktur geschaffen werden. Und nicht als Struktur mit Betonung auf Ausdruck von Ideengehalt, sondern auch als konkrete Struktur. Schluß mit jeder Art von - geordneter oder ungeordneter- privatpsychologischer, gegenwartskultureller oder universeller Problematik. Es steht fest, daß Wörter Symbole sind, aber es gibt keinen Grund, daß die Poesie nicht mit der Sprache als konkreter Materie als Ausgangspunkt erlebt und geschaffen werden kann.
Daß Wörter Symbolgehalt besitzen, ist nicht bemerkenswerter als daß in der bildenden Kunst die figurativen Formen einen Symbolwert über das hinaus haben, was sie oberflächlich darstellen, und daß nichtfigurative Formen, auch wenn es das weiße Quadrat auf der weißen Leinwand ist, ebenfalls einen Symbolwert haben, auch weitergehende Assoziationen auslösen, über das Erlebnis des Proportionsspieles hinaus.
Die Situation: seit dem Krieg eine lang anhaltende, kneipentriste Weltuntergangsstimmung, das Gefühl, daß alle experimentellen Extreme reichen. Für den, der nicht in die Welten von Wodka und Himmelsmahl eintauchen will, bleibt nur, mit den vorhandenen Mitteln
zu analysieren
zu analysieren
das Elend zu analysieren.
Heute, wo holperige Symbolkryptogramme, romantische Schönwortsalberei oder verzweifelte Grimassen vor der Kirchentür als gängige Alternativen erscheinen, muß auch die konkrete Alternative aufgezeigt werden.
Deren Ausgangspunkt ist: Alles, was mit Sprache ausgedrückt werden kann und jeder sprachliche Ausdruck an sich ist gleichberechtigt in einem Kontext, wenn da seinen Wert erhöht.
Die Dostojewski-Problematik erscheint mir also nicht als etwas Wesentlicheres und Menschlicheres als die Überlegung, ob eine Männerstimme als Held schöner ist denn als Welt. Motiv für ein Drama kann ebenso gut wie der Dichter oder Diktatortyp in seiner Zeit das dingfest gemachte Faktum sein, daß ein gewisser Laut nicht wiederholt werden kann. Experimentalpsychologische Ergebnisse können ebenso gut zum Ausgangspunkt für ein Prosawerk genommen werden wie psychoanalytische. Ich schildere gewisse Menschen: Bobb, Torsten, Sten, Minna, Pi ohne das geringste Interesse für sie als Menschen. Dadurch wird die Literatur aber nicht unmenschlich. Ameisen würden nur Bücher über Ameisen schreiben, aber der Mensch mit seiner Fähigkeit zu Objektivierung und Überblick braucht nicht ebenso einseitig zu sein.

2. Das Material und die Mittel
Was soll aus dem neuen Material werden? Es kann ja beliebig zusammengeschüttelt werden und ist wohl unter dem " konkreten" Gesichtspunkt immer gleich unantastbar?
Das kann man am Anfang immer sagen. Aber der Umstand, daß die neuen Ausdrucksmittel noch keine konfektionierten Wertenormen haben, darf uns nicht daran hindern, die Mittel auszuprobieren, wenn die Bewertungen sich jemals klären sollen.
Eine Möglichkeit besteht darin, so oft wie möglich gegen das Gesetz des geringsten möglichen Widerstandes zu verstoßen, das Gegemöwi ( im schwedischen Original eine Wortneuschöpfung aus jeweils den ersten zwei Buchstaben). Das ist keine Erfolgsgarantie, aber es ist ein Weg, nicht auf dem selben Fleck sitzen zu bleiben. Das System auszunutzen genausogut wie Automatismus und gerne auch in der Kombination, aber nur als Hilfsmittel. Also nicht die geringsten Ambitionen, mit dem Automatismus die " reinste " Poesie zu schaffen, dem huldigen ja nicht einmal mehr die Surrealisten. Und nichts Schlechtes über das System: wenn man es selbst wählt und nicht dem der Konvention folgt. Die Frage ist also nicht, ob das System and und für sich " Das Einzig Richtige" ist. Das wird es, weil man es ausgewählt hat, und wenn es gute Resultate ergibt.
Deshalb kann ich zum Beispiel eine Serie von zwölf Vokalen in einer gewissen Folge konstruieren, ich sage konstruieren, und dementsprechend einen Ort anfertigen, obwohl eine Zwölfvokalfolge als solche nicht dieselbe Berechtigung hat wie eine Serie von zwölf Tönen aus der chromatischen Tonleiter.
Man spricht über die Sehnsucht unserer Zeit nach festen Wertvorstellungen. Es ist klar: Als wir des festen Versmaßes, der regelmäßigen Metrik und schließlich auch des Reimes müde geworden waren, mußten wir etwas anderes finden, das dem Gedicht eine Ganzheitswirkung verleiht. Heute tendiert das einheitsstiftende Element dazu, der Inhalt zu sein, sowohl das Beschriebene als auch sein Ideengehalt. Aber am besten ist es, wenn Form und Inhalt wie eine Einheit wirken.
Bleibt also, der Form wieder eigene Normen zu geben. Das tut man z.B. bereits in der Punktmusik. Die Möglichkeiten sind zahllos. Für die Poesie können es aufgelöste Strophen mit vertikalem Parallelismus sein, etwa so, daß der Inhalt die Form ergibt, indem, wenn ein Wort wiederholt wird, es exakt unter dem am nächsten vorhergehenden gleichen Wort stehen muß oder umgekehrt, so daß bei einem Zeilenstück vertikaler Parallele mit dem darüber es den Inhalt der oberen Zeile mit sich zieht. Exakt gleiche Strophen, mit Hilfe von Zeilenfüllungen mit Reimen auf dem letzten Wort der Zeile oder mit vereinbarten Silben, Wörtern usw. Marginalstrophen neben Hauptstrophen. Rahmenförmige Strophen mit Kernstrophe darin: die Möglichkeit mehrerer Lesarten entsprechend der freien Blickbewegung bei der Betrachtung abstrakter Kunst. Also Strophen, die nicht nur von links nach rechts und von oben nach unten gelesen werden können, sondern auch umgekehrt und vertikal: das allererste Wort jeder Zeile, dann alle zweiten, dritten usw. Spiegelverkehrung, Diagonallektüre, Vertauschung von Zeilen, besonders von kurzen. Freie Betonung und freie Wortfolge wie in der klassischen Literatur. (Daß wir nicht die gleichen sprachlichen Voraussetzungen dafür haben, ist kein Hindernis.)
Der Reichtum an Möglichkeiten bewirkt, daß man eine größere Komplexität und eine funktionale Differenzierung erzielen kann, wobei von den verschiedenen Teilen des Inhalts in einem Werk ein jeder seine eigene Ausformung erhält.
Die einfachste aller Systematisierungen des formlosen Materials ist wie stets der Wechsel zwischen Gegensätzen, Gegensätzen zwischen allen denkbaren Aspekten des Kunstwerks. Das Spiel zwischen schweren und leichten Sätzen (bzw. Absätzen oder Wörtern), reichen und armen, normalsyntaktischen und primitiv addierenden, solchen mit und solchen ohne Kontext, luftigen und breiigen, höckrigen und gleitenden, klingenden wie figurativen.
Nicht nur einfache Wechsel, auch Steigerungen - und
R h y t h m e n. Alles außer dem gemächlichen Vorwärtszuckeln gemäß dem Gegemöwi. (Etwas anderes ist es natürlich, wenn amorphe Partien mit beabsichtigter gezielter Wirkung eingesetzt werden.)
Vor allem glaube ich, daß die Rhythmisierung ungeahnte Möglichkeiten einschließt. Rhythmus ist nicht nur innerhalb der Musik das elementarste, direkt körperlich wirkende Gestaltungsmittel; die Freude daran, etwas zuvor Bekanntes wiederzuerkennen, die Bedeutung der Wiederholung; eine Verbindung zum Pulsieren des Atems, des Blutes und der Ejakulation. Es ist falsch, daß Jazzbands ein Monopol auf die kollektive rhythmische Ekstase haben sollen. Dramatik und Lyrik können sie ebenfalls vermitteln. Selbst innerhalb der bildenden Kunst mit ihrer begrenzten Zeitdimension läßt sie sich erzielen, wie Capogrossi gezeigt hat.
Nur gilt es, sich vom Wiederkäuen des Neuen, Neuen, Neuen freizumachen; kein Sammelsurium von Entwürfen für jeden Schritt zu hinterlassen, den man im Werk vollzogen hat; sich stattdessen an den Motiven festzubeißen, sie sich wiederholen, Rhythmen bilden zu lassen; z.B. mit ausfüllenden Rhythmuswörtern als Fond für Hauptsätze zu arbeiten, die vom Hintergrundrhythmus gebunden oder ungebunden sein können. Selbständige ono - mato - poetische Rhythmusphrasierungen, ähnlich denen, die ein afrikanischer oder indischer Trommler zur Bezeichnung seiner Rhythmusmelodien erzeugt. Simultanlektüre und vor allem - das Vorlesen mehrerer Zeilen, davon mindestens eine mit Rhythmuswörtern. Natürlich auch metrische Rhythmen; Wortfolgerhythmen, Leerstellenrhythmen.
Eine andere Methode, Einheit und Zusammenhang zu erzeugen, ist die Erweiterung der Logik durch die Schaffung neuer Übereinstimmungen und Folgerichtigkeiten. Das einfachste ist es, auf die Logik der Naturvölker, Kinder und Geistesgestörten zurückzugehen, die Gegensätze aufhebt, zur Logik der Gleichheit, der sympathetischen Magie.
Mit dieser Logik, angewandt auf die Sprache - gleichklingende Wörter gehören zusammen -, arbeitet ja der Witz. Eine ähnliche Wirkung hat der Reim ausgeübt. Mythen sind so erklärt worden: als Deukalion und Pyrrha nach der Sintflut neue Menschen schaffen wollten, warfen sie Steine, und Menschen wuchsen hervor: Steine heißen läas, Leute heißen laos.
Wenn das Feuer erloschen (schwed. släckt) ist, bin ich demnach weniger sicher, daß es aufgehört hat zu brennen, als daß die Verwandten (schwed. släkt) unterwegs ist. Das Feuer kann sowohl brennen als auch erloschen sein, und verwandt sein, und erloschen sein mit der Verwandtschaft. Lachse haben etwas zu tun mit der Einnahme von Abführmitteln (schwed. laxering), und Dackel (taxar) mit der Taxierung (taxering), und nicht umgekehrt. Homonyme bieten ebenfalls reiche Möglichkeiten. Auch die Zeugmabindung gehört hierher: um Wörter, Sätze, Absätze zusammenzuhalten, z.B. Poesie ist Poesie ist Poesie, wobei die mittlere Poesie sowohl Anfang wie Ende bildet. Und für ganze Werke gilt, daß das ab und zu eingesetzte Wort svanki, stets ungebeugt, ein ebenso gutes Bindemittel für die Struktur ist wie ein durchgeführtes gedankliches Motiv. Um der Freude des Wiedererkennens willen stets die teure Wiederholung.
Es gilt, besonders in den größeren Formen, in Epik und Dramatik, auch dem Film, Geschehnisse von gleicher Strukturfestigkeit wie die der Wirklichkeit zu schaffen. Den Elementen neue Funktionen zu geben und sie dann wirklich auszuschöpfen, statt der bequemen Improvisationen der strömenden Inspiration das Netz der Bezüge dicht und klar zu knüpfen. Von den Konventionen gebunden zu sein, die man selbst ausbildet, nicht aber von denen anderer.
Mit solchen Möglichkeiten des Reichtums müssen auch gewöhnliche Deutungen und Antithesen wie tragisch oder komisch zu einer leichtfertigen Vereinfachung werden. Der ganze Wert im Verhältnis tax - taxering (Dackel - Taxierung) liegt also nicht in der humoristischen Wirkung, die sich aus der unerwarteten Zusammenstellung ergeben kann.
Eine andere Form der Magie mit den Mitteln der Sprache liegt in dem konventionell betrachtet willkürlichen Diktieren neuer Bedeutungen für Buchstaben, Wörter, Sätze oder Absätze: angenommen, an diesem Ort bezeichnen alle i:s "Krankheit", je mehr, desto schwerere - oder in jenem Absatz bezeichnet das Wort Krankheit "alle Laute, Profitknochen" - oder alle Verben bezeichnen außer ihrer eigenen Bedeutung auch "Kälte".
Einen Schritt in dieser Richtung gelangt man auch durch Einsetzen bekannter Wörter in so überaus fremde Zusammenhänge, daß die Sicherheit des Lesers in bezug auf die heilige Verbindung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung unterminiert wird, man läßt ihn die konventionellen Bedeutungen als ebenso sehr oder ebenso wenig willkürlich spüren wie die dekretierten neuen Bedeutungen. Das ist nicht eigentümlicher als bei Povel Pamel*****: sein Mann, der u. manch a. an Rampenfieber litt, erzählte, daß er sich das Fieber in der Rampe messen ließ, so daß wir - durch die Situation und die Wortgleichheit gleichermaßen - eine neue Bedeutung des Wortes 'Rampe' entdeckten.
Es ist nicht gesagt, daß das Wohlbekannte im fremden Kontext bei allen diese fruchtbare Unsicherheit über die Identität von Wort und Erscheinung weckt - vielleicht weckt es ein ebenso fruchtbares Interesse für die Form an sich, wenn die jeweiligen Sätze dem Leser so nichtssagend sind und er soviel Appetit hat, daß er weiter nach Werten sucht. Viele Sätze erscheinen zunächst nichtssagend, weder besonders witzig noch ergreifend, weder ahnungsvoll bedeutungsgesättigt noch diffus klangvoll:
Nicht zuletzt deshalb, weil sie benachteiligte Wörter enthalten. Benachteiligt sind Wörter, die trotz der enormen Erweiterung des poetischen Vokabulars während des letzten halben Jahrhunderts immer noch nasse Flecken auf den Wortteppichen der Poesie hinterlassen. "Kaufleute", "Begeisterung", "Vereine", "mein", "gräßlich", "Schneebesen", "Männer", "Dutzend", "Drüse". Sie können natürlich vorkommen, nur wie oft, verglichen mit der alten Garde. Für einen Sprachkünstler kann die Lektüre eines Wörterbuchs ebenso reich an Entdeckungen sein wie für einen bildenden Künstler das Blättern in einem Handbuch über Insekten, Automotoren oder Körpergewebe.
Sätze können auch nichtssagend wirken, weil sie anders aufgebaut werden. Es gilt ja nicht nur die Wortfolge neu zu mischen, die ganze eingewurzelte Satzmechanik muß sich umkneten lassen, und da das Denken von der Sprache abhängig ist, wird letztlich jeder Angriff auf die gültige Sprachform zu einer Bereicherung der ausgefahrenen Gedankenbahnen, ein Glied in der Entwicklung der Sprache - des Denkens, das ständig auf einer alltäglichen, literarischen und wissenschaftlichen Ebene erfolgt.
Anregungen zu einer Erneuerung der Satzbildung müssen sich einstellen, wenn man sie mit fremden Sprachen vergleicht, dem Chinesischen mit seiner Wortklassenlosigkeit und den unerwarteten, nuancierten Ausdrucksmöglichkeiten vieler Naturvölker. Womöglich wichtiger, auf jeden Fall leichter zugänglich ist es allerdings, die Sprache von Geistesgestörten zu untersuchen. Wenn man sich z.B. Tests von Mano-Depressiven anschaut, findet man Effekte - selbstverständlich nicht künstlerisch beabsichtigte - wie gleichheitslogische Zusammenstellungen (Kontaminationen), reine Klanggleichheitsassoziationen, Modellieren mit dem Wortmaterial (Neologismen) und mehr oder weniger rhythmische Wiederholungen (Perseverationen).
Etwas anderes ist es, zu sehen, was sich aus der Sprache rein mechanisch herauspressen läßt, durch andere Leserichtungen oder durch die Anordnung von Wörtern und Sätzen in Reihen. Dies führt dazu, die Grenzen dessen, was einem etwas sagt, allmählich aufzubiegen. Aus den - wie wir es jetzt sehen - amputiertesten und zerknetetsten Wort- und Satzbildungen können wir ungeahnte Werte ziehen.
Die Sprachmaterie AUSQUETSCHEN: dies ist es, was die Bezeichnung "konkret" rechtfertigen kann. Nicht nur die Strukturen in ihrer Totalität ausquetschen: vielmehr mit den kleinsten Elementen beginnen, den Buchstaben und Wörtern. Diese Buchstaben umstellen wie in einem Anagramm. In Wörtern die Buchstaben wiederholen; mit Fremdwörtern spicken,
g e - e l f - r n; mit fremden Buchstaben, ahaanadalaianaga für Handlung, man vergleiche das Rotwelsch und andere Geheimsprachen, Vokalglissandi geaeiouuorn. Natürlich auch "lettristische", frei erfunde Wörter. Abkürzungsmanie als Neuschöpfung, genau wie in der Alltagssprache, wir haben ja das Gegemöwi. Die ganze Zeit die Frage, das Material umzuformen, ohne selbst davon umgeformt zu werden. Das fundamentale konkrete Prinzip kann womöglich mit Pierre Schaeffers******Schlüsselerlebnis während seiner Suche nach konkreter Musik am schönsten illustriert werden: Er hatte einige Sekunden Lokomotivengeräusch auf Band, war aber nicht zufrieden damit, nur den einen Laut an einen anderen anzufügen, obwohl die Zusammenstellung selbst ungewöhnlich war. Statt dessen schnitt er ein kleines Fragment des Lokomotivengeräusches aus und wiederholte dieses mit einer geringfügig veränderten Tonhöhe; dann zurück zum ersten, dann das zweite usw., so daß ein Wechselspiel entstand. Da erst war er schöpferisch tätig gewesen, er hatte durch da Auseinanderschneiden einen Eingriff in den Stoff selbst vorgenommen: Die Elemente waren nicht neu: Aber der neugeschaffene Zusammenhang hatte neues Material hervorgebracht.
Daraus folgt, daß das, was ich literarische Konkretion nenne, genausowenig wie die musikalische Konkretion oder die Nonfiguration in der Bildkunst ein Stil ist - es ist auf der einen Seite für den Leser eine Art und Weise, die Wortkunst zu erleben, in erster Linie Poesie - auf der anderen Seite für den Poeten eine Befreiung, eine Rechtfertigung allen sprachlichen Materials und aller Mittel, es zu bearbeiten. Eine Literatur, die unter diesen Voraussetzungen geschaffen wird, steht also weder in einem Oppositions- noch in einem Gleichheitsverhältnis zu Lettrismus, Dadaismus oder Surrealismus.
Lettrismus: Die gewöhnlichen " darstellenden" und die " lettristischen" Worte können ja sowohl als Form als auch als Inhalt erlebt werden, die " darstellenden" vermitteln stärkere Inhalts- und schwächere Formerlebnisse, die " lettristischen" umgekehrt: ein gradueller Unterschied.
Surrealistische Poesie hat im Endeffekt gewisse Ähnlichkeiten mit dem Ort. Aber es gibt einen Unterschied im Ausgangspunkt, der das Resultat letzten Endes beeinflußt: Die konkrete Realität meiner Orte steht in keinerlei Opposition zur Realität der Umgebung: weder als Traumsublimierung noch als Zukunftsmythos, sondern ist ein organischer Teil der Realität, in der ich lebe, obgleich mit ihren eigenen Prinzipien für Leben und Entwicklung.
Die kokette oder verzweifelte Grimasse und mehr noch der dadaistische Nihilismus können fruchtbar sein, wenn man auf das künstlerische Ergebnis schaut, wiederum macht der Ausgangspunkt den Unterschied: ich kann keinen Grund finden, von Grimasse und Verleugnung zu sprechen, ich habe kein Gefühl einer Verkünstelung, eines Ausnahmezustands, es ist das Normale. Ein konstruktiver Dadaismus und damit überhaupt keiner.
Wenn ich das Wort "konkret" in diesen Zusammenhängen benutzt habe, so mehr im Anschluß an konkrete Musik als an konkrete Kunst in engerem Sinne. Außerdem ist der konkret arbeitende Dichter natürlich verwandt mit den Formalisten und Sprachtüftlern aller Zeiten, den Griechen, Rabelais, Gertrude Stein, Schwitters, Artaud und vielen anderen. Und als bewunderten Vorläufern sieht er nicht nur zur Eule in "Pu der Bär" auf, sondern auch zu Carrolls Humpty Dumpty, der jede Frage als ein Rätsel betrachtet und den Wörtern undurchdringliche Bedeutungen diktiert.

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Hier verbirgt sich ein Beispiel für Öyvind Fahlströms Konkrete Poesie sowie eine Kunstreproduktion des Autors.

Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke

Anmerkungen:

* in der Übersetzung von Harry Rowohlt
** Bo Setterlind: (1923-91) typischer Vertreter der romantischen Lyrik der 50er Jahre
*** Gösta Oswald (1926-50): experimenteller schwedischer Prosaautor, der in den späten 40er Jahren hervortrat
**** Gösta Knutsson: (1908-73) Kinderbuchautor, vor allem für Funk und Fernsehen tätig
***** Povel Ramel: (geb. 1922) schwed. Kabarettist und von Sprachwitz sprühender Komiker, Verfasser von Revuen
****** Pierre Schaeffer war Schriftsteller, Komponist und Multimediakünstler, der die " Musique concrète " im Jahr 1948 entdeckte. Von seinen Arbeiten seien
" Etudes de bruit " ( 1948) mit Pierre Henry, " Symphonie pour un homme seul "
( 1950), " Orphée " ( 1953), " Etude aux objets " ( 1960), " La tièdre fertile "
( 1975) und die radiophonen Werke " Dix ans d´essaies radiophoniques " ( 1942 - 52) und " La coquille à planètes " ( 1943 - 44), eine radiophone Oper, Musik von C. Arrieu genannt.
Bord, 1952-55
Texts about Poetry by Ö.F.
Other Essays on the Poetry
and Poetic Activities of Ö.F.


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